Gute Zeiten - schlechte Zeiten: Flexible Arbeitszeiten am Prüfstand

 

Die überwiegende Mehrheit unserer KollegInnen im FSW arbeitet derzeit in Normalarbeitszeit. Die Geschäftsführung will, dass alle in einem Gleitzeitmodell arbeiten. Im Rahmen der Verhandlungen zu einer neuen Betriebsvereinbarung ist die flexible Arbeitszeit folglich ein wichtiges Themenfeld und auch die KollegInnen diskutieren über eine allfällige Veränderung der Arbeitszeit. Sowohl Vorgesetzte als auch MitarbeiterInnen sehen darin manche Vor- bzw. Nachteile. Grund genug, sich im folgenden Artikel die Frage zu stellen: Flexible Arbeitszeit - ja oder nein?

 

Qualität der Arbeitszeit

 

Die Qualität der Arbeitszeit wird aus der Sicht von ArbeitnehmerInnen von drei Dimensionen bestimmt:
* Wie lange muss/darf/kann gearbeitet werden? (Dauer der Arbeitszeit)
* Wann muss/darf/kann gearbeitet werden? (Lage und Verteilung der Arbeitszeit)
* Muss unter häufigem, vielleicht gar ständigem Zeitdruck gearbeitet werden oder nur fallweise bzw. selten? (Intensität der Arbeit)

Im Zusammenspiel von Dauer, Lage und Verteilung der Arbeitszeit sowie der abgeforderten Intensität der Arbeit entstehen die Arbeitsbedingungen bzw. Arbeitsbelastungen, die für die Lebensqualität der Einzelnen ausschlaggebend sind.

Die Frage nach dem Müssen, Können oder Dürfen verweist auf die Bedeutung des Ausmaßes der Zeitsouveränität für die ArbeitnehmerInnen.

Hinter der Diskussion nach Flexibilisierung der Arbeitszeit befürchten manche die Absicht der Beseitigung der Überstundenzuschläge und damit die Kürzung der Einkommen.

Die Interessen des Managements bei Flexibilisierungswünschen sind oft eindeutig markt-, kosten- und gewinnorientiert. Eine bessere Nutzung der Produktionsanlagen, bessere Anpassung an die Nachfrageentwicklung und Lohnkostenreduktion stehen im Vordergrund. Die Interessen der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sind in der Regel alles andere denn homogen. Alter, Familiensituation, Hobbies, Weiterbildungsaktivitäten, Einkommen usw. können bestimmende Momente für neue Arbeitszeitwünsche, aber auch Schutzbedürfnisse sein. Flexibilität und Stabilität sind für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer oft zwei Seiten einer Medaille.

 

Lohnkostenreduktion

 

Die Gewerkschaft wiederum muss mit ihren Vorstellungen zu Arbeitszeitregelungen über den Tellerrand des Betriebes blicken. Betriebswirtschaftliche Effektivität, die im Gegensatz zu volkswirtschaftlichen Anforderungen steht, befriedigt längerfristige Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht. Erstens besteht entgegen einem vielfach geäußerten Vorurteil kein automatischer Zusammenhang zwischen Arbeitszeit-Flexibilisierung und Beschäftigungssicherung. Alle Arbeitszeitmodelle, die nicht einfach nur die Betriebs- bzw. Geschäftszeiten ausdehnen, haben den gegenteiligen Effekt. Und dass nur die Arbeitszeitmodelle, die auf dem Wunschzettel der Unternehmen stehen, das Überleben im Konkurrenzkampf sichern, ist ebenso falsch. Denn Modelle, die darauf beruhen, den Menschen bloß als Puffer einzusetzen, sind innovationshemmend und gefährden so das Unternehmen auf andere Weise. Zweitens: Die angestrebte Lohnkostenreduktion senkt die Kaufkraft und setzt so eine Negativspirale in Gang. Zudem wird die Finanzierung des Sozialsystems ausgehöhlt, wenn Steuerleistungen und Sozialversicherungsbeiträge entfallen. Das ist kein Plädoyer für regelmäßige Überstunden, sondern ein Argument für intelligente Arbeitszeitlösungen, die auch die gesellschaftspolitischen Auswirkungen ins Kalkül ziehen.

 

Intelligente Lösungen gefragt

 

Die im Folgenden angeführte Liste von Kriterien enthält absichtlich keine Gewichtung der einzelnen Positionen und nimmt unvermeidliche Überschneidungen oder auch willkürlich erscheinende Trennungen in Kauf. Schon die Wahl eines bestimmten Arbeitszeitmodells legt bis zu einem gewissen Grad eine Gewichtung fest, und selbstverständlich ist die Bewertung der verschiedenen Faktoren stark von der Bedürfnisstruktur und dem Lebensstil der von einer Regelung Betroffenen abhängig.

 

Lebensqualität

 

Lebensqualität ist ein sehr umfassender Begriff, der sowohl die dem Entwicklungsstand eines Landes entsprechenden soziokulturellen Voraussetzungen als auch die individuellen Ansprüche und Lebensmuster widerspiegelt. Flexible Arbeitszeitregelungen sollten jedenfalls das Erfüllen von Verpflichtungen und Wünschen, die sich aus lebensgemeinschaftlichen Beziehungen ergeben, erleichtern. Ansprüche der ArbeitnehmerInnen auf Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben sollen realisierbar sein. Sie sollen in der Lage sein, mit Hilfe flexibler Arbeitszeiten, Veränderungen in ihrer Lebensgestaltung vornehmen zu können. Flexible Arbeitszeiten sollen helfen, Belastungen in der Freizeit abzubauen, z. B. durch die besseren Wahlmöglichkeiten bei Verkehrsmitteln und Verkehrszeiten.

 

Gesundheit

 

Flexible Arbeitszeiten müssen individuelle und kollektive Interessen des Gesundheitsschutzes berücksichtigen. Denn selbst in jenen Fällen, wo Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihr gesundheitliches Wohl aus welchem Grund auch immer hintanstellen, kann die negative Auswirkung der entstehenden Konkurrenzsituation und der längerfristig entstehende Druck auf das soziale System der Gesundheitssicherung nicht akzeptiert werden. Vertretbare Obergrenzen der täglichen und wöchentlichen Arbeitszeit sind daher unverzichtbar!

Bei psychisch oder den Biorhythmus des Menschen belastenden Arbeitszeiten (Wochenende, Abend, Nacht) soll durch ein System von Zeitgutschriften die nötige Erholung und Kompensation gewährleistet werden.

 

Qualifikationsmöglichkeiten

 

Bei Regelungen über flexible Arbeitszeiten sollte der Anspruch auf Weiterbildungszeiten im Rahmen der Arbeitszeit verankert werden.

 

Einkommen

 

Flexible Arbeitszeiten führen in Bereichen, in welchen mehr oder weniger regelmäßig Mehrarbeit (Überstunden) geleistet werden, zu Einkommenseinbußen. Ein Ausgleich könnte durch Veränderungen in der Entgeltfindung gewährleistet werden.

Für Beschäftigte mit geringem Einkommen sollte die Kostenersparnis des Unternehmens für die Erhöhung der Grundeinkommen verwendet werden. Einkommensminderungen senken Sozialversicherungsbeiträge und Steuern und wirken so negativ auf Sozialleistungen und Gemeinschaftsaufgaben.

 

Beschäftigung

 

Flexible Arbeitszeiten können Beschäftigung gefährden, aber auch Beschäftigung sichern. Daher sind die möglichen Alternativen in der konkreten Gestaltung, und die gibt es immer, sehr genau zu prüfen. Regelmäßige Überstunden sind prinzipiell zu vermeiden. Beschäftigungssicherung ist nur ein, allerdings ein sehr wichtiger Punkt, warum die Flexibilisierung der Arbeitszeit mit einer Arbeitszeitverkürzung verknüpft werden muss. Die Senkung der Normalarbeitszeit ist ein Weg dazu, ein System von Zeitgutschriften für belastende Arbeitszeiten eine andere Möglichkeit.

Motivation, Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen, Vertrauen in die Zukunft sind zwar nicht so einfach messbare, nichtsdestoweniger aber wichtige Faktoren für die Akzeptanz und Effizienz gewählter Arbeitszeitmodelle.

 

Effizienz

 

Effizienz ist auch aus Sicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein erforderliches Ergebnis von Arbeitszeitregelungen. Die ArbeitnehmerInnen wollen nicht am Markt vorbei gestalten, sie haben einen realistischen Blick für die Chancen und Risken flexibler Arbeitszeiten. Es muss nur gelingen, dem Unternehmen die Suche nach den Schnittmengen der Interessen jenseits reiner Kostensenkungsprogramme abzufordern.

Motivation, Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen, Vertrauen in die Zukunft sind zwar nicht so einfach messbare, nichtsdestoweniger anerkannt wichtige Faktoren für die Akzeptanz und Effizienz gewählter Arbeitszeitmodelle.

 

Gesetzlicher und kollektivvertraglicher Rahmen

 

Die Novellierung des Arbeitszeitgesetzes gibt den Rahmen für neue Arbeitszeitmuster vor. Den Gewerkschaften ist in der öffentlichen Diskussion im Vorfeld oft Unbeweglichkeit und Innovationsfeindlichkeit vorgeworfen worden. Umso wichtiger ist es, zu verstehen, dass mit der von den Gewerkschaften durchgesetzten Koppelung der Einführung flexibler Arbeitszeiten an den Abschluss eines Kollektivvertrages, die Voraussetzungen für gute Regelungen zumindest offen gehalten wurden. Ohne Kollektivvertrag würde das Diktat der UnternehmerInnen gelten.

Ein Wermutstropfen bleibt: Die neuen Möglichkeiten zur Flexibilisierung der Arbeitszeit sind nicht zwingend an eine gleichzeitige Verkürzung der Arbeitszeit gebunden worden - eine alte Forderung der Gewerkschaften. Doch aufgeschoben darf nicht aufgehoben sein!

Denn ohne Arbeitszeitverkürzung gibt es keine wirksame Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auf dem Feld der Arbeitszeit. Schließlich brauchen wir mehr Zeit für uns selbst, um alle unsere Träume von individueller Lebensgestaltung zu realisieren.

 

Umfrage des ÖGB bestätigt: Mehrheit lehnt weitere Arbeitszeitflexibilisierung ab!

 

Demnach sprechen sich fast zwei Drittel (64%) gegen eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit aus, nur 29% sind dafür. "Unsere Politik entspricht damit klar den Wünschen der ArbeitnehmerInnen dieses Landes", kommentierte ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch das Ergebnis der Befragung. "Alles was hinter der Forderung nach einer weiteren Flexibilisierung der Arbeitszeit steckt, ist die Beseitigung der Überstundenzuschläge und damit die Kürzung der Einkommen. Die Menschen haben klar erkannt, dass es sich um ein reines Lohnsenkungsprogramm für die Unternehmungen zu Lasten der Beschäftigten handelt", so der ÖGB-Präsident weiter.

Noch deutlicher als unter der Gesamtbevölkerung ist die Ablehnung des Bartenstein-Plans bei einer parallel dazu durchgeführten Umfrage unter Gewerkschaftsmitgliedern. Von diesen sprechen sich 75% gegen die Ausweitung der täglich zulässigen Höchstarbeitszeit aus. Bei den ArbeiterInnen unter den Gewerkschaftsmitgliedern ist die Ablehnung mit 85% am höchsten. Aber auch 69% der Angestellten sind dagegen. Selbst die eigenen ParteigängerInnen versagen ihrem Minister in dieser Frage die Gefolgschaft: In der Gesamt-Stichprobe befürworten nur 37% der ÖVP-SympathisantInnen diese Idee, unter den gewerkschaftlich organisierten nicht einmal mehr ein Drittel (32%).

"Den Menschen ist bewusst, dass Minister Bartenstein wieder einmal ausschließlich in seiner Rolle als Wirtschaftsminister agiert. Wir fordern ihn auf, endlich auch seine Aufgabe als Arbeitsminister ernst zu nehmen und die Angriffe auf die Interessen der ArbeitnehmerInnen einzustellen", so der ÖGB-Präsident abschließend.

 

Wahlmöglichkeit sicherstellen!

 

Einige Beschäftigte sind verunsichert und fragen sich, ob eine Veränderung der Dienstzeit nicht mehr Nachteile für sie bringt.

Auch bei einer Veränderung der Arbeitszeit wollen wir daher für jene KollegInnen die derzeit nicht im flexiblen Arbeitszeitmodell sind, die Wahlmöglichkeit sicherstellen: Möchte ich in der Zukunft meine derzeitige Arbeitszeit beibehalten oder eine veränderte flexible Arbeitszeit haben?