Aus dem Arbeitsleben einer mobilen Schwester

 

Ein kurzer Handyanruf: "Guten Morgen, bin schon am vereinbarten Treffpunkt". Wenige Minuten später ist sie da. Nun fahren wir mit dem privaten PKW in den vierten Bezirk.

Anforderungen

Um cirka 6 Uhr 45 sind wir bei der ersten Insulinpatientin. Glücklicherweise hat sich der hohe Wochenendwert von 573 auf 210 reduziert.
Ein besonderes Kennzeichen der Arbeit in der mobilen Gesundheits- und Krankenpflege ist die Vielzahl an Unwägbarkeiten, die täglich auftreten können und deshalb die Abstimmung des beruflichen Handelns der Pflegekräfte auf die jeweilige Situation, das unerwartet auftretende Ereignis bzw. die Persönlichkeit des/der KlientIn zu einer zentralen Anforderung werden lassen.
Diese Fülle an möglichen und nicht voraussehbaren Störquellen führt in vielen Fällen aber auch dazu, dass die Arbeit in der mobilen Pflege nur in sehr eingeschränktem Maße vorab planbar ist.
Es besteht nicht nur ein Spannungsfeld zwischen professioneller Überforderung und ganzheitlichem Anspruch, sondern auch institutioneller Art, nämlich zwischen medizinischer, organisatorischer und patientInnenorientierter Erwartungshaltung. "Wir machen fast schon Zettel- statt PatientInnenpflege."
Die Arbeitsanforderungen in der mobilen Pflege sind sehr hoch. Das ergibt sich zum einen aus dem großen Aufgaben- und Tätigkeitsspektrum, das in diesem Bereich zu bewältigen ist. Zum anderen sind es die unmittelbare soziale Einbettung der Pflege und Betreuung in die Lebenssituationen und den Alltag der KlientenInnen, welche hohe Ansprüche an soziale und kommunikative Kompetenzen stellen.
Dazu zählen:
* fachliche Vielseitigkeit aufgrund des großen Spektrums an Problemfällen
* Improvisationsfähigkeit bzw. Umgang mit ständig neuen Problemstellungen
* Umgang mit Ausnahmesituationen
* zeitkritisches Handeln in unerwartetes Situationen
* Organisationsfähigkeit
* Prioritäten setzen
* dedektivischer Spürsinn

Charakteristika der mobilen Pflege

* Unwägbarkeiten
* situations- und ereignisabhängige Arbeit
* Erfordernis des Eingehens auf den/die KlientIn
* ungewöhnliche Dienstzeiten
* in der direkten Arbeit kaum Unterstützung durch KollegInnen
* ständige Außendienste
* große psychische und physische Belastungen
* Balance zwischen Einfühlung und Abgrenzung als wesentlichste Anforderung einer interaktionsorientierten Pflege

Unerwartete Situationen

Am Weg zur nächsten Patientin gibt es ein kurzes Fachgespräch mit dem zufällig auf der Straße angetroffenen praktischen Arzt - passenderweise vor einer Apotheke.
Kaum wieder ins Auto eingestiegen gibt es einige Telefonate (selbstverständlich im geparkten Zustand).
Dass älteren Menschen manchmal kalt ist, ist sicherlich nicht überraschend.
Eine lange Hose, zwei lange Unterhosen und zusätzlich die Patientenaussage "Mir ist kalt" überraschen im Hochsommer bei einer Temperatur von über 30 Grad aber doch.
Da es auch der anwesenden Tochter trotz energischer Appelle nicht gelingt, den Vater zum Ausziehen zumindest einer langen Unterhose zu bewegen: Spezialauftrag für Schwester Erika.

Alltagserfahrung

Anhand der Aspekte Bedeutung von Kommunikation, Vertrauensarbeit, und Kenntnisse über Lebensgeschichte und Persönlichkeit kann gezeigt werden, dass das Eingehen auf die KlientInnen ein wesentliches, wenn nicht gar das bestimmende Moment in der mobilen Pflege und Betreuung darstellt. Pflege und Betreuung ist immer auch Arbeit mit dem/der KlientIn.
Und das zeigt auch, dass mobile Pflege oft viel mehr ist als die Erfüllung der medizinischen Anforderungen. Sie hat auch eine soziale, lebensgeschichtliche Komponente und wird damit oftmals zur Lebensbegleitung.
Trotz der langen Berufserfahrung bewegt es schon noch immer, wenn junge PatientInnen betreut werden. Eigene Problem werden im Bezug zu einer beispielsweise 27-jährigen Patientin, die nur liegen oder unter starken Schmerzen im Rollstuhl sitzen kann, da sie am Marfan-Syndrom erkrankt ist, doch anders bewertet.

Enorme Belastungen

Pflege und Betreuung als Interaktionsprozess bedeuten auch, dass eine ständige Balance zwischen der nötigen Einfühlung auf der einen Seite und der emotionalen Abgrenzung auf der anderen gefunden werden und tagtäglich neu hergestellt werden muss.
Diese Balance zu erreichen, ist eine der schwierigsten Aufgaben. Wir wissen auch, dass die spezifische Arbeitssituation der mobilen Pflege viele Belastungen mit sich bringt, die letztendlich zu einem Gesundheitsrisiko werden können.
Leider manifestiert sich dieses Gesundheitsrisiko in Krankenständen der MitarbeiterInnen, wodurch die ohnedies belastende Arbeitssituation insgesamt noch weiter erschwert wird.
Ohne das enorme Engagement der mobilen Schwestern könnte die hohe Dienstleistungsqualität nicht aufrecht erhalten werden.