MitarbeiterInnenzufriedenheitsbefragung 2004: ... nicht “arbeitnehmerInnenfreundlich”

Das Ergebnis der MitarbeiterInnenunzufriedenheitsbefragung insgesamt ist sehr schlecht! Daran gibt es nichts zu rütteln und zu deuteln. In doch schon einigen Jahren als Betriebsrat und Gewerkschafter habe ich mir viele Arbeitszufriedenheitsbefragungen angeschaut. Ein Ergebnis, das derart weit unter der Vergleichsgruppe liegt, habe ich noch nie gesehen!

Wenn wir dann noch die Teildimensionen (Gesellschaft, Betrieb, Arbeit und Erwartungen) betrachten, dann liegt auch hier der FSW überall deutlich unter der Vergleichsgruppe. Diese Teildimensionen lassen sich wiederum in Unterkategorien aufgliedern. Und was wirklich erstaunt: Es gibt keine einzige, wo der FSW nicht schlechter liegt als die Vergleichsgruppe. Keine einzige!

 

Fakten

 

Ein erstes wesentliches Ergebnis ist, dass uns immer gerne verkauft wird, dass wir unsere Arbeit aus "Spaß und Freude an der Arbeit" sowie wegen den "persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten" machen. Dies stimmt auch sicherlich, ist aber wohl kaum der einzige Grund, müssen wir doch schließlich auch alle arbeiten gehen, schlicht und einfach, um überleben zu können. Und das zeigen die Ergebnisse sehr deutlich. Die "materielle Absicherung" durch die Arbeit ist 84% wichtig oder sehr wichtig. Aber auch die Solidarität und das politische Bewusstsein, dass zu Tage tritt, beeindrucken mich zutiefst. 83% der KollegInnen geben an, dass es ihnen wichtig oder sehr wichtig ist "für andere Menschen und die Gesellschaft nützlich zu sein".

Interessant ist auch, dass die Unzufriedenheit mit der Tätigkeit mit der Dauer der Beschäftigungsjahre (am höchsten bei jenen, die unter 3 Jahre im Betrieb beschäftigst sind) abnimmt, was darauf schließen lässt, dass viele KollegInnen im sogenannten FSW alt deutlich unzufriedener mit ihrer Tätigkeit sind.

Bei der durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit wünschen sich die KollegInnen 38 Stunden. Die Realität? 44! Wo bleibt da die 40-Stunden-Woche? Wo die Solidarität des sozialen Trägers FSW mit den Arbeitslosen? Wie viele neue Jobs könnten damit geschaffen werden? Die Arbeitszeit ist auch sehr ungleich verteilt. Tendenziell ist sie im FSW alt am höchsten. Schlechte Zukunftsperspektiven also, was sich auch daran zeigt, dass der "Zeitdruck" als größte Arbeitsbelastung empfunden wird.

Während im gesamten Sozial- und Gesundheitsbereich, der als Frauenbranche ohnedies sehr schlecht entlohnt wird, bei einer Bewertung mit Schulnoten bei der Frage nach der Zufriedenheit mit dem Einkommen ein Mittelwert von 2,2 heraus kommt, liegt dieser Wert im FSW bei 3,19, also eine ganze Schulnote schlechter. Und der FSW alt liegt noch schlechter! 73% im FSW sagen zu ihrem Ein-kommen "es reicht gerade aus" oder "es reicht nicht aus" - im Gesundheits- und Sozialbereich sind es nur 50%. Immerhin 15% der KollegInnen im FSW kommen mit ihrem Einkommen nicht aus - 15% working poor (Armut trotz Lohnarbeit) in einem Sozialbetrieb! Diese Zahl spricht Bände!

42% im FSW halten die innerbetriebliche Einkommensverteilung für ungerecht, nur 24% für gerecht. Noch ungerechter wird die Verteilung im FSW alt und von jüngeren KollegInnen (54% derjenigen, die unter 3 Jahre im Betrieb sind) empfunden, was ein unschlagbares Argument für ein transparentes und nachvollziehbares Gehaltsschema, das auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit abzielt, ist.

52% empfinden die Gesamtorganisation FSW als hierarchisch, was sich auch darin widerspiegelt, dass nur 31% mit der Geschäftsführung zufrieden sind. Nur 4% halten die Mitsprachemöglichkeiten im Unternehmen FSW für gut, 84% hingegen für unzureichend! 47% sagen auch, dass die Geschäftsführung keine klaren Konzepte hat, nur 9% sehen das anders. Das geringe Vertrauen in die Geschäftsführung zeigt sich auch in der geringen Identifikation mit den Unternehmenszielen. Kein Wunder, fühlen sich doch nur 10% "über die Pläne der GF" gut informiert, wohingegen 89% ihren Informationsstand als schlecht bezeichnen. Nur 8% stimmen mit diesen Zielen überein, 29% hingegen nicht und satte 41% beantworten diese Frage erst gar nicht. Verwundern darf dieses Ergebnis nicht, ist doch eine riesengroße Mehrheit der KollegInnen mit dem Hauptziel des FSW, der Ausgliederung von Sozialleistungen durch die öffentliche Hand, ganz und gar nicht einverstanden. Aber diese Frage wurde leider nicht gestellt ...

Bei einer Benotung mit Schulnoten ergibt die Zufriedenheit mit dem Ansehen des FSW eine glatte 3, im Sozialbereich insgesamt 1,8. Dementsprechend wird auch die Entwicklung des FSW von 53% pessimistisch eingeschätzt, bei den neuen KollegInnen sogar von 61%. Bei der Frage nach den Eigenschaften des FSW hat keine einzige Möglichkeit eine Mehrheit gefunden.

Auch die Tatsache, dass nur 22% den FSW als arbeitnehmerInnenfreundlich sehen, sollte der Geschäftsführung in Zukunft zahllose schlaflose Nächte bereiten!

77% fühlen sich in die Strukturreform nicht eingebunden; bei den neuen KollegInnen steigt dieser Wert auf 81%, wohingegen er beim FSW alt nur bei 67% liegt, was die These vieler KollegInnen stützt, dass es sich bei der Ausgliederung um eine - um im Wirtschaftsjargon zu bleiben - feindliche Übernahme gehandelt hat, die sie daran fest machen, dass die große Mehrzahl der echten Führungsposi-tionen mit FSW alt und Privatangestellten besetzt ist. Dies spiegelt sich auch darin wider, dass sich insgesamt 74% keine persönlichen Vorteile erwarten (bei den neuen KollegInnen sogar 82%), wohingegen sich im FSW alt immerhin 59% Vorteile erwarten.

Auch bei den Erwartungen gegenüber der Neuorganisation rechnen die KollegInnen mehrheitlich mit (deutlichen) Verschlechterungen. Dies betrifft unter anderem die Bereiche "interne Kommunikation und Zusammenarbeit", "Gestaltungsmöglichkeiten, Spielraum", "Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten", "Arbeitsaufgaben, Tätigkeitsbereich", "Klarheit der Arbeitsabläufe", "Abbau von Hierarchien", "Qualität der KlientInnenbetreuung", "eigene Arbeitssituation", "Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes", "Arbeitsumfang" und "Anfahrtszeiten von/zur Arbeit".

 

Schlussfolgerungen

 

Offensichtlich ist die Zufriedenheit der KollegInnen mit der Arbeitssituation katastrophal. Da gibt's kein Herumdeuteln und kein Schönreden!

Manche der dahinter stehenden Probleme sind zu lösen. Dazu zählen der immense Zeitdruck, das Fehlen eines Gehaltschemas mit daraus resultierenden inakzeptablen Ungleichheiten und auch die nicht bestehenden Mitbestimmungsmöglichkeiten. Lösungen sind bislang einzig am Willen der Geschäftsführung gescheitert.

Will die Geschäftsführung wirklich etwas am bestehenden Arbeitsklima im FSW, und dieses ist wie die Ergebnisse der MitarbeiterInnenbefragung zeigen mehr als schlecht, ändern, dann muss jetzt etwas passieren! Sonst ist zu erwarten, dass sich die Stimmung in der Belegschaft nicht bessert, weil diese sich noch weniger ernst genommen fühlt. Wenn 55% (62% bei den neuen KollegInnen) sagen, dass die Geschäftsführung an den Anliegen der Belegschaft nicht in-teressiert ist, dann wird es Zeit, dass in so manchen Köpfen ganz schnell alle Alarmglocken zu schrillen anfangen und auch nicht mehr aufhören bis dieser Wert Richtung 0 gesunken ist. Jetzt gilt es zu handeln! Sonst wird die vorhandene Stimmung in der Belegschaft ihre Auswirkungen auf die Qualität der Leistung des FSW zeitigen, den ohnedies nur 17% der KollegInnen als erfolgreich ansehen, was gleichzeitig auch zeigt, was bei entsprechenden Arbeitsbedingungen möglich wäre. Und das kann sich die Stadt Wien nicht leisten, sind doch direkt oder indirekt 300.000 Menschen in dieser Stadt in zentralen Lebensbereichen von der Leistung des FSW abhängig.

Wir sehen daher die sofortige Umsetzung folgender Forderungen, die altbekannte zentrale Probleme aufgreifen, aber vor denen nun in Anbetracht der dargestellten Ergebnisse der Befragung niemand mehr die Augen verschließen kann, als unabdingbar an:
* Installierung eine Gender Mainstreaming-Beauftragten im FSW auf Basis einer Betriebsvereinbarung zur betrieblichen Gleichstellung!
* Gestaltung der Arbeitszeiten nach den Bedürfnissen der KollegInnen. Anzustreben ist, dass niemand mehr als 40 Stunden pro Woche arbeitet!
* Umsetzung eines gerechten Gehaltsschemas für alle KollegInnen entlang der Linien der Vertragsbedienstetenordnung, welches nach unten und nach oben ausgleicht!

 

Kommentar:

 

Bei der MitarbeiterInnenbefragung im Herbst 2004 ist es zu Ergebnissen gekommen, die sich wohl niemand auch nur im Traum vorgestellt hätte. Wenn der Autor dieser Zeilen Bill Gates heißen würde und es sich leisten könnte, das IFES, welches die Studie durchgeführt hat, zu kaufen, um im Interesse der Belegschaft ein Wunschergebnis zu bekommen, das es ermöglicht, die Geschäftsführung damit zu Zugeständnissen zu bewegen, er hätte sich niemals getraut, solch schlechte Ergebnisse hineinzuschreiben.
Das interessante an der Methode, mit der die MitarbeiterInnezufriedenheitsbefragung durchgeführt wurde, ist, dass dafür als Basis der von der AK Oberösterreich entwickelte Arbeitsklimaindex herangezogen wurde. Dieser ermöglicht es an Hand vergleichbarer Merkmale die Stimmung einzelner KollegInnen und Belegschaften miteinander zu vergleichen.
Wenn wir diesen Test für uns als Einzelpersonen durchführen, was unter www.arbeitsklima.at möglich ist, dann erhalten wir einen Vergleich mit dem österreichischen Durchschnitt. Immer wieder einmal mache ich diese zehn Fragen, auch um mir selbst die Veränderungen meiner Stimmung dem Betrieb gegenüber vor Augen zu führen. Beim heutigen Versuch kam folgendes heraus: "Ihr Arbeitsklima-Index beträgt 48! Das ist um 54 Punkte weniger als der derzeitige Österreichschnitt von 102. Ihnen geht es also im Beruf extrem schlecht." Bumm, das ist heftig, so schlecht bin ich ja noch nie gelegen!
Doch wie zufrieden wir wirklich sein sollten, kann dann noch spezifischer ausgewertet werden, nämlich mit der relevanten Vergleichsgruppe (Alter, Geschlecht, Bildung, berufliche Stellung, Nationalität). Mein heutiges Ergebnis: "Männliche Angestellte ab 36 Jahren und älter mit Hochschulstudium haben im Schnitt einen Arbeitsklima-Index von 108. Ihr Index liegt um 60 Punkte darunter, Sie sind also weniger zufrieden als Ihre Vergleichsgruppe!" Das macht mich auch nicht wirklich glücklicher!
Dieser Vergleich mit den Ergebnissen der Befragung ist ein relativer, da zwar bei unserer Befragung die gleiche Methode angewendet wurde, aber mit viel detaillierteren Fragen. Insofern kann ich nur allen KollegInnen einmal den Selbstversuch unter der oben genannten website empfehlen.
Interessant wird es aber dann, wenn wir die Ergebnisse im FSW mit unserer Branche, dem Sozial- und Gesundheitsbereich, vergleichen. Der Gesamtindex in diesem Bereich liegt zufälligerweise genau dort, wo mein persönlicher liegen sollte, bei 108. Jener im FSW liegt bei 87, also deutlich darunter! Insofern muss ich ja gar nicht so über meine eigene Arbeitsunzufriedenheit erschrocken sein ...